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„Why Desktop Linux (Still) Sucks“ von Bryan Lunduke auf Deutsch zusammengefasst

Man muss Bryan Lundukes Art nicht mögen, um etwas Sinnvolles aus seinem Vortrag zu gewinnen. In seiner Vorstellung „Why Desktop Linux (Still) Sucks“ (Link unten) baut er auf seinem Vortrag des letzten Jahres auf. Er schaut in die Vergangenheit, um festzustellen, was sich alles (nicht) getan hat und in die Zukunft, um dem Linux-Desktop eine Perspektive zu geben. In letzterem liegt sicherlich der Schwachpunkt der Idee, denn Lunduke malt vieles zu schwarz oder weiß und sieht seiner Meinung nach glasklare Entwicklungen, die so pauschal nicht getroffen werden können. Nichtsdestotrotz werden interessante Ideen benannt und der Linux-Desktop von verschiedenen, meist kommerziellen Seiten beleuchtet. Mit gut fünfzig Minuten ist der Mitschnitt nicht gerade leichte Kost. Dennoch ist er sehenswert. Für alle, die ich nicht überzeugen konnte oder die der englischen Sprache nicht ausreichend mächtig sind, folgt hier eine Zusammenfassung von Bryan Lundukes Positionen.

Zusammenfassung

Zunächst einmal stellt Bryan fest, dass sich im letzten Jahr einiges bei unser aller Lieblingsbetriebssystem getan hat und nennt beispielsweise die Major-Releases von Ubuntu 9.10/10.04 und Fedora 12. Auch die deutliche Look-and-Feel-Veränderung bei Ubuntu mit Einführung des neuen Designs hebt er lobend hervor. Doch seiner Meinung nach suckt Linux wegen einiger erheblicher Mängel, auf die er im Folgenden genauer eingeht.

Audio: So seien Audioprobleme immer noch gang und gäbe, was er auf die Vielzahl der vorhandenen Multimedia-Frameworks und -Architekturen zurückführt. Dieser Umstand führe zu unnötigem Aufwand, da ein und dieselbe Sache mehrfach umgesetzt werden müsse. Deshalb sein Appell, keine weiteren Frameworks mehr zu basteln, sondern eines der vorhanden auszuwählen, z. B. Gstreamer, und es sei „done“.

Hardware: Glaubt man Bryan Lunduke, so ist X.Org veraltet und Grafikprobleme stehen deshalb auf der Tagesordnung. Dies zeige sich im schwierigen Aufbau eines Multi-Monitor-Systems oder in der Tatsache, dass neue X.Org-Versionen Kompatibilitätsrückschritte für ältere Hardware zur Folge hätten. Außerdem seien WLAN-Treiber immer noch die Achillesferse eines modernen Laptops, auch wenn sich auf diesem Gebiet innerhalb eines Jahres viel verbessert habe. So spricht er von einer geschätzten out-of-the-box-Fähigkeit von nun 80 Prozent der Chipsätze im Gegensatz zu den 50 Prozent im letzten Jahr. Seine Lösung: Abstand nehmen vom ständigen Aufmotzen („revving“) von X.Org in Form von häufigen Updates, die zu vorher nicht vorhandenen Kompatibilitätsproblemen führen. Konsequent weitergedacht bedeute das für Lunduke, dass X.Org- oder Distributionsupdates nicht mehr zur Verfügung gestellt werden sollten, wenn ältere Hardware dadurch nicht mehr unterstützt werde. An dieser Stelle merkt man den persönlichen Frust des Sprechers über die Entscheidung von nicht explizit benannten Grafikkartenherstellern, die er kritisiert (gemeint ist wohl AMD und der Entschluss, keine aktuellen Treiber mehr für ausgelaufene Hardware anzubieten).

Paketierung: Auch bei den verschiedenen Paketvarianten wie Debianpakete oder RPM gelte wieder das Argument der manpower, also der Arbeitskraft und -zeit von Entwicklern, dieselben Angebote für verschiedene Ideologien mehrfach vorzuhalten. Wie bei der Audiofrage sei auch hier eine standatisierte Fixierung auf eine Auswahl das Mittel gegen das vermeintliche Chaos. Hier spricht sich Bryan Lunduke für die Debianvariante aus, weil Debian-artige Distributionen, allen voran Ubuntu, auf dem Vormarsch seien und somit die Berechtigung für die Favorisierung ihrer Optionen liefere. Dieses Argument untermauert er mit einer Grafik, die aufzeigt, dass Ubuntu- und Debian-artige Systeme aktuell im Trend liegen – Tendenz steigend.

Audiobearbeitung: Bei der Audiobearbeitung liege das Problem in den vielen einzelnen Projekten, wovon einige nicht mal funktionierten. Irgendwie einsatzfähig („somewhat usable“) seien Audacity, ReZound, Jokosher und (sein Favorit) Ardour. Audiosoftware sei kompliziert und erfordere viel Engagement seitens der Entwickler, welches er nur dann unterstützt sehe, wenn diese Projekte auch finanziell bezuschusst wären. Andernfalls blieben sie auf dem Stand von Windows- oder OS-X-Software der 90er-Jahre. Weil das der Fall sei, sehe der Sprecher sich in seiner Ansicht bestätigt, dass das aktuelle Open-Source-Entwicklungs-Modell gescheitert sei.

Videobearbeitung: Andere Töne sind von ihm zum Thema Video zu hören. Hier habe sich viel verändert seit der letzten Präsentation. Lobend erwähnt er z. B. PiTiVi, OpenShot, Kdenlive und Lightworks. Trotzdem sei es noch ein langer Weg, bis er seiner Verwandschaft Linux als Betriebssystem auch für die Videobearbeitung empfehlen könne.

Das große Aber: Sehr große Applikationen wie Photoshop seien, wenn überhaupt, nur mit finanzieller Unterstützung zu erreichen. Hierzu zeigt er mehrere Möglichkeiten auf: Spenden, organisiertes Fund Raising, kostenpflichtige Zusatzinhalte in Software, Closed-Source und kommerzieller Bezahlinhalt mit offenem Quellcode. Das Mittel der spendenbasierten Unterstützung nennt er allerdings nur, um es im nächsten Satz wieder als „bewiesen gescheitert“ zunichte zu machen. Alle anderen Arten begrüßt er; nicht zuletzt – so räumt er ein – weil auch er mit Closed-Source Geld gemacht habe, wodurch er natürlich „motiviert“ worden sei.

Es folgt eine Beispielrechnung für ein Videoschnittprogramm. Hierfür nimmt unser Sprecher an, dass drei Entwickler und ein Tester mit Jahresgehältern von je 75.000 Dollar nötig sind. Dies ergebe exklusive Dokumentation, Marketing, Support usw. jährlich 300.000 Dollar. Auf die Frage, warum man die Ressourcen nicht auf „Wochenendprogrammierer“ verteile, antwortet Bryan, dass fünf Vollzeitbeschäftigte deutlich produktiver arbeiteten. Auch der Linux-Kernel falle nicht aus dem Raster, weil dieser kommerziell unterstützt werde. So wird Lunduke auch nicht müde zu wiederholen, dass Programmierer von ihrer Arbeit leben können müssten („Developers need to eat“).

Was können wir Linuxer nun tun?, fragt er dann abschließend und antwortet sogleich, man müsse akzeptieren, dass Software-Entwicklung Geld koste. Sei man gedanklich so weit, so sei der nächste Schritt, dafür auch zu bezahlen; sei es mit Spenden oder durch den Kauf von Closed-Source-Anwendungen. Als Begründung hierfür führt er an, man ermutige dadurch die Hersteller, Linux-Programme anzubieten. Wären dann noch die Hauptanbieter von Distributionen und wichtigen Anwendungen im Boot, sei hier ein Gewinn für alle Linux-Nutzer zu erzielen. Als Beispiele für die genannte Beteiligung nennt er im Allgemeinen stärkere Investitionen in geldbringende Geschäfte, im Speziellen mehr Engagement beim Sammeln von Spenden und der Werbung dafür, beim Hervorheben von Drittprodukten sowie der Etablierung von Software-Stores. Letztere seien in jeder Hinsicht positiv zu bewerten; Ubuntu leiste hier gute Vorarbeit.
Den Schluss bildet eine kurze Fragerunde, die Bryan Lunduke einseitig und überheblich kurz und bündig leitet.

Nun ja, letzten Endes muss sich jeder seine eigene Meinung zu Bryan Lundukes Vortrag und dessen Inhalten bilden. Ich persönlich stellte mir des Öfteren die Frage, ob seine Ansichten nicht zu sehr aufs Finanzielle und die Rentabilität ausgerichtet sind und ob man als ehemaliger Mac-User diese beiden Welten mit den doch recht unterschiedlichen Philosophien nicht zu sehr vermengt. Mir fehlte vor allem eine neutrale Einschätzung der gewollten Pluralität der Community und eine Betonung der herausragenden Stellung von Open-Source.

Das Video

Das ganze englischsprachige Video gibt es hier (Präsentation).

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